False Positives: Neues Tool verhindert EUDR-Ausschluss von Kleinbäuer*innen

Die EU Entwaldungsverodnung (EUDR) verfolgt – wie ihr Name schon sagt – ein Ziel: Entwaldung zu vermeiden. Doch was, wenn dabei falsch positive Ergebnisse (False Positives) Kleinbäuer*innen zu Unrecht vom Markt ausschließen? Auf Grund von unklaren Satellitendaten oder Fehlinterpretationen von Agroforstsystemen ein nicht unerhebliches Risiko für Kleinbäuer*innen im Globalen Süden. Solidaridad hat – mit Unterstützung des niederländischen Postcode Loterij – ein Tool entwickelt, mit der landwirtschaftliche Flächen präzise von Wäldern unterschieden werden können: Farm2Forest Link.

Wald oder nachhaltiger Anbau? Satelliten können das kaum unterscheiden.

Mitten im peruanischen Regenwald baut Raúl Gonzalez Diaz Kaffee im Agroforstsystem an. Seine Finca in San Martin ist 5-Hektar groß. Raúl hat sie von seinem Vater geerbt. Raúl und seine Frau Nancy haben die Finca in ein Paradies für hochwertigen, nachhaltigen Kaffee verwandelt. Raúl verkauft seine Ernte zum Teil an große internationale Händler, während er einen anderen Teil selbst vor Ort verarbeitet und verkauft. Sein Kaffee ist auf europäischen Märkten hoch angesehen – nicht nur wegen seines Geschmacks, sondern auch wegen des nachhaltigen Anbaus.

Doch trotz seines Erfolges besteht das Risiko, dass Raúl bald keinen Kaffee mehr in die EU exportieren darf. Grund dafür sind technische Hürden bei der Umsetzung der EU Entwaldungsverodnung (EUDR), die am 30. Dezember 2026 in Kraft tritt. Die Verordnung verbietet Importe, die mit Entwaldung in Verbindung stehen. Käufer werden verpflichtet, anhand präziser Geodaten zu beweisen, dass ihre Lieferant*innen seit dem 31. Dezember 2020 keine Entwaldung betrieben haben. Diese Anforderung gefährdet den hart erarbeiteten Erfolg Raúls und tausenden anderer Produzent*innen.

Die Identifizierung von im Schatten angebauten Kaffee benötigt eine Kombination aus hochaufgelösten Bildern und Daten aus der Praxis.
Foto: Solidaridad/Bill Salazar.

Raúls Agroforstsystem: ein False Positive?

Herkömmliche Referenzkarten, wie das „Hansen Global Forest Change Dataset”, reichen oft nicht aus, um Wald von Agroforstsystemen zu unterscheiden. Der Datensatz misst den prozentualen Baumkronendeckungsgrad. Agroforstsysteme (z.B. Kaffee unter Schattenbäumen) weisen oft eine hohe Baumdichte auf und werden vom Algorithmus fälschlicherweise als „Wald“ klassifiziert, obwohl es sich um landwirtschaftliche Nutzflächen handelt.

So auch in Raúls Fall: 2020 stuften Satellitenkarten sein Grundstück als Wald ein. Jegliche Veränderung am Baumbestand führt nun zu dem Vorwurf, Raúl hätte abgeholzt, obwohl die Plantage schon lange nachhaltig bewirtschaftet wird. Sogar der Rückschnitt alter Schattenbäume kann fälschlich als Entwaldung interpretiert werden. Auch eine Verjüngung des Baumbestandes registriert der Satellit als Verlust an Biomasse oder als Lücke im Kronendach.

Basierend auf den Ergebnissen unserer Auswertung von False Positives in ausgewählten Gebieten sehen wir einen außergewöhnlich hohen Anteil an ungenauen Entwaldungswarnungen (55 % in Peru und 78 % in Honduras). Dadurch entsteht eine unmittelbare Bedrohung für Kleinproduzent*innen, die nicht durch die tatsächliche Entwaldung entsteht, sondern durch den drohenden Ausschluss vom europäischen Markt aufgrund systematischer Überwachungsfehler.

Boukje Theeuwes, Leiterin der Abteilung Policy Influencing bei Solidaridad Europa

Farm2Forest Link: Technologie kombiniert mit lokalem Wissen

Solidaridad entwickelte das Tool Farm2Forest Link im Rahmen des „Protect Forests and Farmers”-Projekts. Das Ziel ist es, zu verhindern, dass Bäuer*innen, die nach 2020 keine Waldflächen gerodet haben, fälschlicherweise vom europäischen Markt ausgeschlossen werden.  

Die verwendete Methodik basiert auf jahrelanger Erfahrung und dem Monitoring von kleinbäuerlichen Betrieben. Sie kombiniert fortschrittliche GIS-Technologie (Geografische Informationssysteme) mit lokalem Wissen: Hochauflösende Satellitenbilder werden durch Validierung vor Ort ergänzt, um die Algorithmen zu trainieren. Dieser Ansatz ermöglicht es, viel genauer zwischen agroforstwirtschaftlichen Systemen und natürlichem Wald zu unterscheiden. 

Felddatenerfassung. Foto: Solidaridad / Bill Salazar.

Noch befindet sich Farm2Forest Link in der Pilotphase. Der gesamte Prozess der Datenerhebung wird über Cloud-Plattformen und KI-unterstützte Algorithmen gesteuert, was einen effizienten, rückverfolgbaren und replizierbaren Arbeitsablauf ermöglicht. 

Nach Fertigstellung wird das Tool EU-Marktteilnehmern und lokalen Partnern drei Ebenen an hochpräzisen kartographischen Daten liefern, die unterscheiden in: Wald, Nicht-Wald und Entwaldung. Und das über eine Fläche von 80,000 km² in Peru und Honduras.  

Vor allem Kleinbäuer*innen profitieren von neuem Tool

Fast 28,000 Kaffee- und Kakao Kleinbäuer*innen in Honduras und Peru werden von diesen Karten profitieren. Das Tool bewahrt gerade Produzent*innen mit geringen finanziellen Mitteln davor, unverschuldet vom europäischen Markt ausgeschlossen zu werden.

Die Notwendigkeit dafür ergibt sich aus der Beweislast der EUDR: Setzt ein Satellitensystem eine „Red Flag“, muss der Importeur belegen, dass keine Entwaldung vorliegt. Bisher konnten Kleinbäuer*innen solche Fehlprognosen kaum entkräften, da ihnen der Zugang zu teuren Drohnenaufnahmen oder offiziellen Katasterdokumenten fehlte. In Zukunft sind sie dank Farm2Forest Link in der Lage, diese Nachweise eigenständig und präzise zu erbringen.

Dies ist entscheidend, um dem sogenannten „De-Risking“ entgegenzuwirken. Da europäische Einkäufer hohe Strafen fürchten, ziehen sie sich oft komplett aus Regionen zurück, die durch ungenaue Satellitenanalysen pauschal als Hochrisikogebiete eingestuft werden. Erschwerend kommt hinzu, dass eine manuelle Überprüfung vor Ort („Ground Truthing“) extrem kostspielig ist. Bei den geringen Mengen, die einzelne Kleinbäuer*innen produzieren, lohnen sich diese Kosten für die Importeure meist nicht – was letztlich zum Ausschluss der Betriebe aus der Lieferkette führt. 

Das neue Tool schließt diese Lücke und sichert so den fairen Marktzugang. Dabei setzt Solidaridad nicht allein auf Technologie: Flankierend zum digitalen Monitoring umfasst das Programm die Sensibilisierung von 9.000 Landwirt*innen für die Anforderungen der EUDR sowie die gezielte Schulung von 1.050 Bäuer*innen in nachhaltigen Anbaupraktiken. Um diese positive Wirkung zu skalieren, sucht Solidaridad bereits nach Wegen, das Programm auf weitere Regionen auszuweiten.

Ich bin stolz und dankbar. Wir haben das Gefühl, dass wir Fortschritte als Kooperative machen. Das Ziel ist es, voranzukommen.

Adan Varela, Mitglied der Honduran Kaffee Kooperative COMICLOL

… aber auch europäische Unternehmen!

Solidaridad spielt eine entscheidende Rolle dabei, das Risiko eines Marktausschlusses von tausenden Kaffee- und Kakaoproduzent*innen zu mindern. Durch die Bereitstellung zuverlässiger, feldvalidierter Daten unterstützen wir Unternehmen dabei, die EUDR rechtssicher einzuhalten und einen Rückzug aus kleinbäuerlichen Lieferketten zu vermeiden.

Kurz gesagt: Die EUDR ist eine wichtige Chance, um die globale Nachfrage nach entwaldungsfreier Produktion anzukurbeln. Dass Kaffee- und Kakaounternehmen künftig genau wissen müssen, woher ihre Rohstoffe stammen, ist ein großer Fortschritt. Damit diese Chance jedoch genutzt werden kann, müssen Unternehmen und Regierungen verstärkt in eine qualitativ hochwertige Zusammenarbeit mit den Kleinbäuer*innen investieren.

Präzise Überwachungsinstrumente wie Farm2Forest Link ermöglichen es europäischen Kaffee- und Kakaounternehmen, die Compliance-Anforderungen der EUDR zu erfüllen, während gleichzeitig verhindert wird, dass Kleinbäuer*innen auf unfaire Weise vom Markt ausgeschlossen werden.

Boukje Theeuwes, Leiterin der Abteilung Policy Influencing bei Solidaridad Europa

Kontakt

Möchten Sie mehr über Farm2Forest Link erfahren, oder benötigen Sie Unterstützung bei der Vorbereitung auf die EUDR? Dann wenden Sie sich bitte an Boukje Theeuwes, Leiterin der Abteilung Policy Influencing bei Solidaridad: boukje.theeuwes@solidaridadnetwork.org. Alternativ können Sie unser niederländisches Büro auch direkt telefonisch erreichen: +31 (0)30 272 0313.